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| Dampfmaschine, Eisenbahn und Überseewolle - das Fabrikzeitalter |
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Anfang des 19. Jahrhundert begann eine neue Epoche, die die Strukturen der Tuchproduktion grundlegend umkrempeln sollten: Es wurden Maschinen entwickelt und eingesetzt, mit denen sich sehr viel schneller und effektiver spinnen ließ als mit dem ehrwürdigen Handrad.
In Verviers gelang es William Cockerill um 1800 zum ersten Male auf dem Kontinent eine mechanische Spinnmaschine für Wollgarne zu entwickeln. An ihr konnten drei Personen 400 Garnstränge pro Tag produzieren. Für diese Arbeit waren früher 200 Personen erforderlich gewesen! Auch die bislang sehr arbeitsaufwändigen Prozesse des Rauhens und Scherens des Tuchs wurden nun mechanisiert. Das führte in Eupen zu scharfen Protesten und zu einem dramatischen Maschinensturm der Scherer, die sich ihrer angestammten Tätigkeit beraubt sahen. Im April 1821 stürmten am Eupener Werthplatz mehrere hundert Scherer den Hof eines großen Tuchfabrikanten, zerstörten eine frisch angelieferte, neue Schermaschine und versenkten die demolierten Teile im Stadtbach. Aber letztlich konnten auch solch spektakulären Aktinen die neue Technik nicht dauerhaft aufzuhalten. 1824 arbeiteten in der Region Verviers bereits 20 Schermaschinen.
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Dampfmaschine der Tuchfabrik
Müller in Euskirchen |
Eine kleine Chronologie der Neueinführungen von Maschinen in Verviers verdeutlicht die rasante technische Entwicklung, die die Wolltuchverarbeitung Anfang des 19. Jahrhunderts nahm: automatische Kratze 1802, hydraulische Presse 1810, Dampfmaschine 1816, halbautomatische Spinnmaschine (mule jenny) 1818, Schermaschine 1818, Raumaschine 1826, Zylinderwalke 1840. Eine natürliche Begrenzung der maschinellen Tuchherstellung, für die schweren Walken und all die neuen Maschinen, die eine externe Kraftquelle brauchten, war zunächst allerdings noch die begrenzte Antriebsenergie. Die Kraft des Wasserrades reichte oft nicht aus, wenn im Sommer die Bäche und Flüsse wenig Wasser führten oder gar ganz trocken fielen. Ab den 1820er Jahren hielt aber langsam die Dampfmaschine als Ergänzung und später als Ersatz der Wasserkraft ihren Einzug. Hinzu kam, dass der Transport von Überseewolle, die deutlich bessere Qualität als die einheimische Wolle aufwies, durch Dampfschiffe und Eisenbahnen immer leichter wurde.
Wer Mitte des 19. Jahrhunderts mit Gewinn Tuch produzieren wollte, musste also neue Textilmaschinen, einen Dampfkessel und eine Dampfmaschine anschaffen, und er musste einfach und preiswert an Kohle kommen und Wolle aus Übersee heranschaffen können. In diesem Moment verlagerte sich die Tuchherstellung aus der Eifel an den Eifelrand: nach Verviers in Belgien und nach Aachen, Düren und Euskirchen in Deutschland, wo bessere Verkehrsbedingungen bestanden, aber ebenfalls noch gutes Wasser verfügbar war. Aachen wurde 1841 an das Eisenbahnetz angeschlossen, Verviers 1844 - Eupen hingegen erst 1864, Monschau 1885 und Münstereifel 1890. Hinzu kam, dass die alteingesessenen Tuchmacherdynastien (zum Beispiel in Monschau), die mit besonders innovativen und qualitätsvollen Produkten ihre Bedeutung und Berühmtheit erlangt hatten, große Schwierigkeit hatten, sich auf die billige Massenproduktion einzustellen, die im 19. Jahrhundert zunehmend die Märkte eroberte. In Eupen reduzierte sich Arbeiterschaft von gut 6000 Arbeitern 1812 auf nur noch 3.000 im Jahr 1831. 1908 schloss in Monschau der letzte wollverarbeitende Betrieb. Mit dem langsamen Niedergang in alten Tuchmacherorten Eupen, Monschau, Roettgen oder Münstereifel wanderten die qualifizierten Arbeitskräfte notgedrungen nach Aachen, Verviers oder Euskirchen ab. Etliche Arbeiter pendelten - zum Teil unter großen Mühen - zu den neuen Fabriken in der Stadt.
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Diese gigantische Tuchfabrik ließ Ivan Simonis
um 1810 nach englischem Vorbild in Verviers
erbauen. Hier liefen die ersten mechanischen
Wollspinnmaschinen des W. Cockerill.
Heute ist die Fabrik zu Wohnungen umgebaut.
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Welche rasante Entwicklung hingegen Verviers nahm, mag man daran erkennen, dass dort 1854 bereits 212 Dampfmaschinen arbeiten, davon 143 für die Wolltuchindustrie! Die Fabriken von Verviers galten als Hochburg für die Einführung technischer Neuerungen in der Wolltuchindustrie - und als praktische ‚Akademie' der Wolltuchproduktion. Gleiches galt für Aachen mit seiner 1883 gegründeten "Königlichen Webschule". Die Stärke der Aachener Region blieb das feine Tuch aus leichteren Kammgarnstoffen. In Euskirchen spezialisierte man sich auf robustere Streichgarntuche, Loden und Uniformtuche. In Verviers entwickelte sich neben der Herstellung von Uniform- und Streichgarntuchen zugleich eine starke Wollwäscherei und ein bedeutender Wollhandel, der schnell Aachen den Rang ablief.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich dann in der Wolltuchherstellung langsam der mechanische Webstuhl durch. Erst jetzt wurde auch die Weberei nicht mehr als Heimarbeit vergeben, sondern in der Fabrik an dampfmaschinenbetrieben Webstühlen erledigt. Das bedeutete den Niedergang eines ganzen Berufstandes: Die vielen vielen Handweber mussten ihr "selbstständiges" Gewerbe im eigenen Haus aufgeben. Ihre größte Blütezeit erlebte die industrielle Tuchindustrie von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieg. In Verviers waren bereits 1843 in 768 Betrieben 18.153 Arbeiter beschäftigt. In Deutschland sind die höchsten Beschäftigtenzahlen erst nach der Gründerzeit zu verzeichnen: 1889 zählte Aachen 151 Betriebe mit 13.671 Beschäftigen. Und selbst im kleinen Euskirchen existierten vor 1914 insgesamt 21 Tuchfabriken mit insgesamt 1.187 Beschäftigten, die gut zwei Drittel aller Industriearbeiter der Stadt ausmachten. Darüber hinaus zog die Tuchindustrie in den neuen Zentren Aachen und Verviers weitere Betriebe an: eine Zulieferindustrie, die Textilmaschinen, Lederriemen, Schermesser, Kratzenbänder und vieles mehr für die Tuchindustrie herstellte.
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